Die Geschichte der künstlichen Blumen

Fast hundert Jahre lang stand neben "Parfum nach Gewicht" ein zweiter Begriff auf jeder Fassade von HARRY LEHMANN: "künstliche Blumen". Warum sie von Anfang an dazugehörten, wie präsent sie im Laden waren und wohin sie 2024 verschwunden sind.

"Parfum nach Gewicht" und "künstliche Blumen"

Acht Adressen in gut 100 Jahren und auf jeder Fassade standen dieselben Worte „Parfums nach Gewicht" und "Künstliche Blumen“ die Reklame. Mal in Schreibschrift, mal in Fraktur, mal als Leuchtreklame. Aber immer beide Schlagworte, immer gleichberechtigt.

Auch heute bleiben Passantinnen und Passanten vor der Kantstraße 106 einen Moment stehen, den Kopf in den Nacken gelegt, und murmeln: „Parfum … und künstliche Blumen. Aha." Dann senkt sich der Blick ins Schaufenster, doch man stellt fest, dass die Worte "künstliche Blumen" nicht mehr zum Bild passen. Zu sehen sind Düfte: auf dem Tisch, im Regal, in den Händen der Kundschaft. Doch Blumen? Ein Strauß auf der Theke, ein zweiter im Regal. Mehr nicht.

Wer diesen Anblick mit alten Fotos vergleicht, erkennt vieles wieder: die Flakons, die goldenen Waagen, den Tropfer und sogar Frau Dallmann. Ein Unterschied fällt ins Auge: Auf den alten Bildern sind die Schaufenster links und rechts bis oben mit Blüten gefüllt, denn die künstlichen Blumen waren bei HARRY LEHMANN nicht nur Dekoration. Sie waren Ware, Sortiment, Standbein.

  • „Parfüm und künstliche Blumen“ – von der ersten Adresse an standen beide Begriffe nebeneinander

  • Ansteckblumen für Kleidung in einer Vitrine in einem der ersten Geschäfte von HARRY LEHMANN

  • Auch in der Kantstr. wurde der Schriftzug in die Leuchtreklame integriert und thront hier bis heute

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Ein einzigartiges Geschäft - auf zwei Standbeinen

Als Eduard und Harry Lehmann im März 1926 ihre Parfumerie in der Potsdamer Straße eröffneten, war Berlin eine Stadt, die Blumen trug. Nicht nur in der Vase standen farbenfrohe Bouquets. Auch an Hüten, an Kleidern oder am Revers fanden sich Seidenblumen. Die künstliche Blume war in den Zwanzigern vor allem ein Modeaccessoire und die deutsche Kunstblumenindustrie stand auf ihrem Höhepunkt. Ihr Zentrum lag in Sebnitz in der Sächsischen Schweiz, Berlin war der große Absatzplatz.

Vater und Sohn setzten deshalb von Anfang an auf zwei Standbeine. Parfum, das man sich grammweise abwiegen lassen konnte, und künstliche Blumen, die man dazu kaufte, ansteckte oder zu Hause aufstellte. Die Ware kam zunächst aus Sebnitz und vom Berliner Großhandel, später dann auch aus Übersee.

Was HARRY LEHMANN daraus machte, war die Kombination: Duft und Blumen in einem Laden. „1. Geschäft dieser Art in Deutschland", so ließ es Harry Lehmann an die Fassade seines ersten Ladens malen. Beide Sortimente sprachen dieselbe Sprache. Maiglöckchen, Veilchen und Roter Mohn gab es aus Seide in der Vitrine und als Duft im Flakon. Zu den allerersten Kreationen des Hauses gehörten genau diese Blüten. Wer Veilchen kaufte, konnte den Strauß gleich mitnehmen.

Der Kniff, der aus zwei Sortimenten eines machte: Die Blumen wurden mit dem Duft besprüht. Ein paar Tropfen Maiglöckchen auf die Seidenblüten und der Strauß auf dem Wohnzimmertisch duftete tagelang, ohne zu welken. So wurde aus der Kunstblume ein Raumduft, lange bevor es das Wort dafür gab. In Wohnungen, in denen über Jahrzehnte geraucht wurde, brachte das, so die Überlieferung im Haus, ein Stück Frische ins Zimmer. Man konnte bei HARRY LEHMANN also nicht nur Parfum oder nur Blumen kaufen, sondern auch beides zusammen: die Blüte und ihren Duft.

 

Im Video: Jutta Dallmann erzählt, wie sie die Zeit der künstlichen Blumen erlebte.

1930er bis 1950er: Die Blume überlebt jeden Umzug

1929 brach der Modemarkt für Kunstblumen ein. Hüte wurden schlichter, Kleider verzichteten auf Garnituren, die Branche schrumpfte. Für HARRY LEHMANN war das kein Grund, den Begriff vom Schild zu nehmen. Die Blumen zogen mit in die Friedrichstraße 80, wo sie ein eigenes Schaufenster bekamen.

Als das Geschäft in einer Bombennacht völlig zerstört wurde, wurde vermutlich auch ein Großteil der Kunstblumen zerstört. Unversehrte Waren barg Harry Lehmann persönlich aus den Trümmern. Nur acht Monate nach Kriegsende, im Januar 1946, standen dann jedoch wieder künstliche Blumen im Fenster des neuen Geschäfts, das Harry Lehmann in einer halb zerstörten Ruine an der Mohrenstraße neu eröffnete. Backstein, Bretter und darüber ein frisch gestaltetes Schild: „Parfums nach Gewicht – Künstliche Blumen“. Die Stadt lag in Schutt und im Schaufenster standen Hortensien aus Seide.

  • In der Friedrichstr. 80 erhielten die künstlichen Blumen eine eigene Vitrine.

  • Das zerstörte Gebäude in der Friedrichstraße 80, 1945.

  • Januar 1946: HARRY LEHMANN eröffnete eine Filiale in einer Ruine. 8 Monate nach Kriegsende waren wieder künstliche Blumen im Schaufenster.

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Warum künstliche Blumen?

Ganzjährig. Frische Schnittblumen gab es in den Zwanzigern durchaus, aber nicht immer und nicht günstig. Ohne Kühlketten und Flugimport war das Angebot im Winterhalbjahr dünn, ein frischer Strauß für die Wohnung ein Luxus. Die Seidenblume blühte das ganze Jahr.

Unverwelklich. Eine gute Seidenrose hielt Jahrzehnte. In beheizten, oft dunklen Stadtwohnungen war das ein handfestes Argument.

Der Kniff des Hauses. Bei HARRY LEHMANN kaufte man die Blume nicht nur, man besprühte sie. Mit dem passenden Duft, wenn es einen gab, sonst mit dem Lieblingsduft. So wurde aus dem Blumenarrangement ein Raumduft, lange bevor es das Wort gab. In Wohnungen, in denen über Jahrzehnte hinweg geraucht wurde, brachte das – so die Überlieferung im Haus – ein Stück Frische ins Zimmer.

1958 bis 1980er: Rosen, Flieder, künstliche Bäume

Mit der Kantstraße 106 fand HARRY LEHMANN 1958 sein dauerhaftes Zuhause und mit ihr kamen die künstlichen Blumen in ihre üppigste Phase. Das Wirtschaftswunder brachte erstmals Geld für Inneneinrichtung, wodurch Kunstblumen endgültig vom Hut ins Wohnzimmer wanderten.

Das Sortiment reichte von Rosen, Tulpen und Chrysanthemen über Flieder, Nelken und Lilien bis zu Margeriten - von der Einzelblüte bis zum raumhohen Zweig. Viele Kundinnen und Kunden nahmen zum Duft die passende Blume mit. Andere steckten sich eine Blüte ans Kleid oder ans Revers. In den siebziger und achtziger Jahren, als Seidenblumen und üppige Arrangements wieder groß in Mode kamen, war der Laden bis unter die Decke gefüllt: Palmwedel, Hortensien, Blütenzweige in Vasen, dazwischen die Düfte in Flakons fast nebensächlich.

  • Edith Lehmann steht inmitten zahlreicher künstlicher Blumen und Pflanzen.

  • Harry Lehmann ist, umgeben von künstlichen Blumen, kaum hinter der Verkaufstheke zu erkennen.

  • Das Geschäft in der Kantstr. 106 war bis zur Schließung im Jahr 2022 ein farbenfrohes Blumenmeer.

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Ein Laden, in dem die Zeit stehen blieb

Nach Edith Lehmanns Tod 2008 führte Lutz Lehmann das Geschäft allein weiter und ließ den Laden, wie er war: gelbe Raufasertapeten, Linoleumböden, rot lackierte Möbel. Zwei große Räume, die eine Hälfte bis an die Decke voller künstlicher Blumen, die andere voller Düfte. Draußen waren die Kunstblumen längst aus der Mode gekommen. Doch auf der Leuchtreklame und drinnen blühten sie unverändert weiter wie auch schon 1958, wenngleich der Absatz schwächelte.

Mit Lutz Lehmanns Tod 2022 blieben die Türen zunächst geschlossen und die Blumen standen anderthalb Jahre im stillen Raum und sahen das bewegte Stadtleben an sich vorbeiziehen.

Als wir den Laden im März 2024 übernahmen, haben wir fast alles behalten: die originale Theke, Harry Lehmanns Schreibtisch, die Regale, die Apothekerflaschen, die Rezepturen. Nur die Blumen nicht. Sie passten nicht mehr in die Zeit und sie passten nicht zu dem Geschäft, dessen Kern wir freilegen wollten: die schönen Düfte, das händische Abfüllen, die individuelle Beratung, das Erleben. In Gesprächen mit Kundinnen und Kunden stellten wir später fest, dass die Blumen von außen auch verwirrt hatten: Ist das nun ein Blumenladen oder eine Parfumerie?

Ganz verschwunden sind die Blumen trotzdem nicht. Ein paar Sträuße stehen bis heute auf Theke und Regal, als Dekoration und als Erinnerung daran, was dieses Haus fast hundert Jahre lang begleitet hat.

Duft im Zimmer gibt es bei uns übrigens trotzdem noch. Nur steht er heute nicht mehr auf einer besprühten Seidenrose, sondern direkt in der Apothekerflasche: sieben Raumdüfte, unter anderem Lindenblüte und Lavande de Provence.

Die Blume ist gegangen. Was sie tun sollte, ist geblieben.

  • Der dekorative und angenehm unaufdringliche Raumduft Lindenblüte in einer braunen Apothekerflasche

  • Jutta Dallmann neben einem noch von Lutz Lehmann gesteckte Bouquet, das wir unverändert übernommen haben

  • Auch im neuen Geschäft in der Gipsstraße in Berlin-Mitte erinnern künstliche Blumen an die Vergangenheit

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